Montag, 2. Juni 2014
Die Wundertablette
Lars Friedrich war schon länger nicht gut drauf. Er war schon von Arzt zu Arzt gegangen, aber keiner konnte helfen. Er fühlte sich schon wie ein Simulant. Aber obwohl er sich krank fühlte, er nahm einfach keine Tabletten. Er war sein Leben lang immer gesund gewesen. Er hielt nicht viel von Tabletten. Er glaubte nicht daran und außerdem hatten die meisten Tabletten so viele Nebenwirkungen, dass er erst einmal strikt gegen Tabletten einnehmen war.
Aber als er danndoch im Krankenhaus landete, weil es nicht besser wurde mit ihm, tat er alles was die Ärzte sagten, nur eines machte er immer noch nicht. Er nahm keine Tabletten ein.Aber die Ärzte konnten ihm auch noch nicht sagen was ihm fehlte. Er war Montags ins Krankenhaus gekommen und heute, Freitags war Chefarztvisite. Nun war er ja auch noch nicht im Krankenhaus gewesen, und lag also auch noch nie mit zwie weiteren Kranken in einem Krankenzimmer, die nervös und ängstlich waren vor der Chefarztvisite. Schon früh am Morgen zogen sich die beiden Zimmergenossen fein an, als ob es Sonntag wäre und sie zur Kirche gehen würden. Lars Friedrich fragte die beiden: " Warum habt ihr euch so feierlich angezogen?" " Na, heute ist doch Chefarztvisite." " Na und, sagte Friedrich. Das ist genau so ein Mensch wie du und ich auch." " Hast du denn gar kein Respekt vor dem Chefarzt?" " Nein, wieso sollte ich?" " Na, du wirst schon sehen, wenn der Chefarzt erst einmal im Zimmer steht mit der gesamten Begleitung der Station, dann kriegst du schon Respekt. Und Tabletten nimmst du dann auch ein." " Ganz bestimmt nicht." sagte Friedrich noch zu den beiden.
Als die Chefarztkolonne los ging auf dem Flur, schaute der erste von den beiden Zimmernachbarn schon aus dem Zimmer. Er kam wieder herein und sagte:" Sie sind gerade losgegangen." Und er setzte sich nervös wieder auf das Bett. Zwei Minuten später ging der andere zur Zimmertür, guckte auf den Flur und sagte:" Die sind immer noch nicht weiter." Und er setzte sich nervös wieder hin. Fünf Minuten später gingen beide schnell zur Tür und guckten auf den Flur. Sie gingen wieder ins Zimmer zurück und setzte sich zurück auf das Bett.
Lars Friedrich stand plötzlich auch, von der Nervösität der anderen angesteckt, vom Bett auf. Er wollte doch auch mal gucken, was so interessant auf dem Flur war. Er ging zur Tür, er machte die Zimmertür auf und als er auf den Flur schaute, musste er zwei Mal hingucken. Er ging zurück ins Zimmer und sagte zu den beiden:" Wo kommen denn die vielen Leute her, wollen die etwa alle in unser kleines Krankenzimmer kommen?"
" Ja, da guckst du, was." Jetzt hatte Lars Friedrich mehr als Respekt. Er hatte auf deutsch gesagt, die Hosen gestrichen voll! Nun war er es, der alle zwei Minuten vom Bett zur Tür ging und guckte ob die Kolonne denn nun auch bald in ihr Zimmer kommen würde. Je öfter er herausschaute , desto nervöser wurde er. Manchmal dachte er, dass die Kolonne überhaupt nicht weiter kommen würde. Nach weiteren zwanzig Minuten war es dann bald so weit. Die Chefarztvisite ging gerade in das Zimmer neben ihnen. " Sie kommen gleich. Nur noch ein Zimmer, dann sind wir dran," sagte er den anderen beiden, die schon ein bisschen schmunzelten. Plötzlich klopfte es an der Zimmertür und gleich darauf standen acht Personen in weissen Sachen im Zimmer. Lars spürte, seit es an der Zimmertür geklopft hatte, fing auch sein Herz an zu klopfen. Er hörte gar nicht, was der Arzt seinen Bettnachbarn so sagte. Sondern guckte nur zu den grossen Weisskitteln hinauf. Plötzlich drehte sich der Arzt um und gab Lars Friedrich die Hand. " Hallo Herr Friedrich. Sie sehen ein bisschen blass aus.Wie geht es ihnen?" " Mir geht es nicht so gut." " Was haben sie denn für beschwerden, Herr Friedrich." " Also mir ist sehr oft schlecht, richtig übel und ich muß mich auch schon mal übergeben. Sodbrennen habe ich auch öfter. " " Dann könnte es sein, dass sie eine Krankheit haben, die sich Refluxkrankheit nennt. Dabei schließt der Muskel zwischen Speiseröhre und dem Magen nicht mehr richtig. Ich empfehle eine Diät und eine Tablette. Die Tablette hilft, dem Magen, der ja Säure hat, dass die Magensäure nicht mehr so aggressiv ist und dadurch die Schleimhaut der Speiseröhre nicht mehr angegriffen werden kann." " Aber muss es denn wirklich eine Tablette sein, Herr Doktor. Ich habe mein ganzes Leben lang noch keine Tablette eingenommen." " Aber die Tablette ist wichtig für sie, sonst kriegen wir Ärger, wenn sie die nicht einnehmen . Wollen sie das?" " Nein, das möchte ich auch nicht." " Also nehmen sie die Tablette
Ich verspreche ihnen das es auch nur die eine bleibt." " O.K., Herr Doktor." " Also gut, wir behalten sie zwei Wochen hier. Dann sehen wir ob es besser geworden ist." Der Chefarzt hatte eine grosse Ausstrahlung auf Lars Friedrich bewirkt.
Als die Visite wieder im Schwesternzimmer war und noch alle dabei waren, sagte der Chefarzt zu seinen Kollegen:" Stimmt das, dass der Herr Friedrich noch nie Tabletten gebraucht hat mit seinen 47 Jahren. Als die Kollegen nickten, sagte er weiter :" Dann geben wir ihm ein Placebo, vielleicht reicht ja schon die Diät und er braucht in Zukunft auch keine Tabletten einnehmen. Aber er darf auf keinen Fall etwas davon wissen. Sonst können wir das alles knicken"
Als die 14 Tage vorbei waren sagte lars Freidrich bei der Visite: " Es geht mir wieder richtig gut. Ich habe nur noch ganz selten einmal Beschwerden. Sie haben mir ja da eine richtige Wundertablette gegeben."
" Die Tablette hat nicht das Wunder geschafft. Das waren sie ganz alleine. Sie brauchen keine Tabletten mehr zu nehmen. Wir hatten ihnen in den 14 Tagen eine Tablette, die keine Wirkung hat gegeben. Ein so genanntes Placebo. Und weil es bei ihnen trotzdem besser geworden ist, wissen wir , dass sie keine Tablette brauchen.
Bei Ihnen reicht noch eine Diät." " Sie haben mir eine Tablette gegeben, die keine Wirkung hat." " Anders konnten wir nicht herausfinden ob sie eine Tablette brauchen oder nicht. Halten sie sich weiter dran, kein Nikotin, kein Koffeein, kein Alkohol, wenig Süssigkeiten. Dann werden sie auf lange Sicht gesehen keine Tablette brauchen." " Vielen Dank, Herr Doktor, dass sie diesen Weg mit der Placebotablette mit mir gegangen sind."
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